Was ich noch zu zeigen hätte …

Es gibt sie noch, die zum Weinen schönen Kanäle, nur wenige Schritte von den Touristenmengen entfernt.

Wäscheleinen

Die italienische Kunstflugstaffel flog Pirouetten mit farbigem Schweif über Venedig.

Junggesellinnen-Abschieds-Dackel, das gibt es hier auch!

Ein Kreuzfahrtschiff nach meinem Geschmack!

Auf dem Lido: die WDR-Maus auf großer Fahrradfahrt.

Enjoy respect Venezia, leider viel zu wenig beachtet.

Morgenlauf

Zu meinen größten venezianischen Freuden gehört mein frühmorgendlicher Lauf, besser gesagt mein Nordic Walking, am Guidecca-Kanal entlang. Von unserer Wohnung aus sind es nur wenige Schritte zur Zattere. Dort geht es zunächst bis zur Zollstation und dann zurück bis zur anderen Kanalspitze am Hafenbecken Santa Marta. Rund eine Stunde bin ich unterwegs und komme gut gelaunt mit kleinen Entdeckungen, die ich beim Frühstück zum besten geben kann, zurück.

Um diese Uhrzeit bevölkern noch keine Touristen den breiten Boulevard. Ich liebe es dabei zu sein, wenn die Stadt sich für den Tag rüstet. Kinder werden zur Schule gebracht, Hunde ausgeführt und der Supermarkt Conad bekommt seine tägliche Lieferung per Laster auf dem Boot. Angler und, wenn ich Glück habe, Maler haben sich ein gutes Plätzchen für ihre Passion gesucht. Andere Läufer  kreuzen meinen Weg. Müllmänner fegen die letzten Hinterlassenschaften des Vorabends weg, und die Tische auf den Terrassen werden für die Kunden hergerichtet. Vom Guidecca-Ufer leuchten die roten Tischdecken unseres Stammlokals La Palanca herüber. Am Zeitungskiosk liegt die neueste Il Gazzetino aus, die im Vorübergehen, gerne verbunden mit einem kleinen Schwätzchen, mitgenommen wird. Der schwarze Kormoran hat seinen Stammplatz auf seinem Lieblingspfahl eingenommen und putzt sein Gefieder. Dieser Tage habe ich sogar ein vermutlich entflogenes Rosenköpfchen auf dem Sims der Zollstation entdeckt. Und über den Rennradler, der in voller Montur verbotenerweise die Zattere entlang fährt, schüttele ich jeden Morgen den Kopf!

Auf dem Guidecca Kanal und dem Bassin von S. Marco tummeln sich die Schiffe, Lastkähne und Wassertaxis ziehen entlang, und die ersten Gondeln werden in Stellung gebracht. Natürlich fehlen auch die unvermeidlichen Kreuzfahrtschiffe nicht, deren Namen wie Lirica, Musica oder Poetica von ihren plumpen Ausmaßen nicht wirklich ablenken können. Besonders mag ich die Vaporetto-Station „Spirito Santo“, welche deutsche Busstation heißt schon so?

Häufig liegt die Stadt noch im Dunst und der Blick von der Zollstation über das Wasser zu San Marco oder auf der anderen Seite zur Redentore Kirche ist noch etwas verhangen. Was könnte schöner sein?

Heute bin ich zum letzten Mal gelaufen …

 

 

Eine Frage des Stils

Keine venezianische Hausfrau, das gilt auch für Hausmänner (!), würde ohne Einkaufswägelchen zum Lebensmitteleinkauf gehen. Das Transportproblem stellt sich ja nicht nur für Händler, auch der Privateinkauf muss nach Hause gebracht werden. Da wartet eben kein Auto auf dem Supermarkt-Parkplatz! Auch wenn das Hieven der Wagen über die Brücken, je nachdem wie beladen der Karren ist, ein mühseliges Geschäft darstellt, bequemer als Schleppen ist es allemal.

Zum Inventar unserer Wohnung gehört selbstverständlich auch ein Einkaufswagen, ein Standardmodell, dunkelblau mit kariertem Umschlag, aus Nylon. Zweckmäßigkeit pur, nichts zum Angeben!

Dass es auch anders gehen kann, sah ich heute morgen! Ein wahrhaft aristokratisches Gefährt erregte meine Bewunderung. Eine vornehme alte Dame auf dem Weg zum Morgeneinkauf, perfekt ondulierte weiße Löckchen, Seidenkleid, Perlenkette, zog einen Einkaufswagen aus GOBELINSTICKEREI hinter sich her. Das hat Stil!

La Musica

Sicherlich ist ein Besuch des Theaters „La Fenice“ ein ganz besonderes (und ganz besonders teueres) Erlebnis. Das aus dem 18. Jahrhundert stammende Gebäude wurde nach einem verheerenden Großbrand im Jahre 1996 detailgetreu wieder aufgebaut und hat insbesondere Opernaufführungen auf seinem Spielplan. Wir waren einmal im Fenice, allerdings nicht als Opernbesucher, sondern als Profiteure eines Streiks. Als die italienische Regierung vor Jahren die Kulturausgaben drastisch reduzieren wollte, streikte das Ensemble und lud zu kostenlosen Proben seines Könnens ein. Wir kamen zufällig vorbei und schwelgten!

Wer nicht ganz so viel Geld ausgeben möchte oder keine Karten bekommt, kann eines der überall in der Stadt angebotenen Vivaldi oder Händel-Konzerte in einem Festsaal buchen. Meist spielt das Orchester in Barockkostümen vor historischer Kulisse. Wir haben es nie ausprobiert, weil wir so unsere Zweifel haben, was die Qualität anbelangt. Aber vielleicht tun wir den wacker „Die vier Jahreszeiten“ spielenden Musikern auch Unrecht!

Wir haben für uns eine sehr schöne Alternative entdeckt. Wenn man die Anschläge an den Kirchentüren studiert, findet man ab und zu einen Hinweis auf ein Kirchenkonzert, das in der Regel gegen eine kleine Spende kostenlos angeboten wird. Insbesondere für Laienchöre ist es ein Höhepunkt ihres Chorlebens, in einer der Kirchen zu singen. Wir haben auch schon sehr eindrucksvolle Orgelkonzerte erlebt. Der Musik in einer der prachtvoll ausgestatteten Kirchen zu lauschen, ist ein ganz eigenes Erlebnis und entlässt einen beschwingt in den Abend.

Auf den „Cane“ gekommen!

Die Venezianer scheinen ein neues Statussymbol gefunden zu haben: den Hund. Früher sah man sie eher selten in der Stadt, und sie schienen alle eine Stammesmutter von undefinierbarer Farbe gehabt zu haben. In gewisser Weise ähnelten sie den Corgies der Queen: kurzbeinig, langer Rücken und spitze Schnauze. Keine Schönheiten, aber handfest. Bevorzugt sah man sie auf dem Bug der Schiffe, wo sie sich den Wind um die Nase wehen ließen und wie erfahrene Seeleute wirkten! Wo sind sie nur geblieben?

Heute scheint das Motto zu sein, je größer und je mehr desto besser, gerne auch im Format eines weißen Schoßhündchens. Mir tun die Tiere ausgesprochen leid. In dieser steinernen Stadt mit nur wenigen öffentlichen Parks werden sie an der Leine im wortwörtlichen Sinn „Gassi geführt“ und haben nur wenig Auslauf.

Ich vermute, dass die Venezianer mit ihren Hunden zu verstehen geben wollen, dass sie ortsansässig sind und sich dieses Statussymbol leisten können. Bei der Metzgersfrau haben wir auch schon eine Visitenkarte von „Lupi di Mare“ entdeckt, die einen 24-stündigen Dog-Service anbieten.

Diese „Überbevölkerung“ bleibt natürlich nicht ohne Folgen. Auch wenn die Hinterlassenschaften meistens in Tütenform entsorgt werden, in den Winkeln der Stadt riecht es, gerade nach einer Hitzewelle, häufig sehr streng.

 

Fortuny

Wer wie ich eine Schwäche für schöne Stoffe und eine Leidenschaft für Gärten hat, dem empfehle ich ein vergnügtes Stündchen bei Fortuny. Vielen Besuchern der Kunst-Biennale wird der Palazzo Fortuny im Stadtteil San Marco bekannt sein, in dem zu Biennale-Zeiten häufig spektakuläre Ausstellungen gezeigt werden. Ich meine jedoch die Fabrik/Werkstatt Fortuny, die auf der Guidecca direkt neben der Stucky Molino liegt.

Mariano Fortuny, geboren 1871 in Granada, war ein äußerst talentierter Mann, der in vielen künstlerischen Sparten unterwegs war. 1889 ließ er sich in Venedig nieder, wo er 1949 starb. Bekannt wurde er vor allem durch seine Stoffe, die in einem aufwendigen, bis heute geheimen Verfahren in der venezianischen Fabrik auf der Guidecca hergestellt werden. Das Ergebnis sind traumhafte Stoffe aus hochwertigem Cotton und Kaschmir. Die Produktion einer Rolle Stoff benötigt einen Arbeitsaufwand von drei bis vier Monaten, weil Farbschicht um Farbschicht nach einem vorhergehenden Trocknungsprozess aufgetragen und zum Schluss per Hand bearbeitet wird. Verständlich, dass ich mich nach den Preisen nicht erkundigt habe. Der in der Galerie zu bewundernde Fuchs im Samurai-Kostüm kostet alleine schon € 1.999, kein echtes Schnäppchen! Der Werkstatt angeschlossen ist ein Showroom, den man auch als Privatkunde besuchen kann. Es ist ein Vergnügen, die außergewöhnlichen Muster und die leuchtenden Farben zu bewundern, auch wenn das Budget nur für ein kleines, mit dem berühmten Stoff bezogenes Notizbuch reicht!

Hinter der Fabrik liegt der Privatgarten Fortuny. Eigentlich kann er nur nach Voranmeldung besucht werden. Ich hatte immer das Glück, ihn auch spontan besichtigen zu dürfen. Besonders zur Zeit der Rosenblüte ist der Garten ein Traum. Leider wird zurzeit keine Chefgärtnerin gesucht!